IRC ist kein Brief
Eine nette Idee: die Bastian Sicks des Webs haben eine Offensive gegen nachlässig formulierte Kommunikation gestartet: irc.is-not-s.ms — Writing IRC lines with style.
Demnach haben wir ein Problem:
IRC lines decay more and more towards short messages — without full sentences, without punctuation, and with a lot of not ambigous abbreviations, etc. which leads to misunderstanding and the necessarity to ask for details or how the message should be interpreted.
IRC erfordert volle Sätze? Nun – nicht wirklich. Die Seite richtet sich ja auch nur gegen “not ambigous abbreviations”, nicht gegen LOL, ROFL, etc… Man kann also zustimmen. Irgendwie.
Welche Lösung schlagen die Retter vor?
Take the time and write all IRC lines like real letters, write what you want to express, keep an eye on style, language and grammar, don’t forget punctuation or salutation, avoid unambigous abbreviations, and proof-read them at least once before sending or publishing.
Ähm. “like real letters”? Sprich: Wir ignorieren, dass eine Nachricht in 0,2 Sekunden übermittelt wird statt in zwei Tagen. Das hat keinerlei Effekt. Wir gehen einfach von der These aus, dass Online-Kommunikation nur ein müder Abklatsch von der “echten” Kommunikation ist.
Aber es geht noch weiter:
irc.is-not-s.ms is a personal policy that all IRC lines regardless of reader or subject will be as long and detailed as necessary and not castrated by arbitrary and artifical limits which just hinder this medium. It’s that simple.
Natürlich ist das falsch, wie jeder im RFC 1459 nachschlagen kann. IRC-Messages sind begrenzt.
Schade. Das hätte ein würdiger Nachfahre von quote.to werden können. So ist das aber nur reaktionärer Blödsinn für Zwiebelfisch-Fans. Statt die neuen Kommunikationsmittel zu analysieren und eine vernünftige Übereinkunft vorzuschlagen, wollen die wieder Briefe versenden. Viel Spaß damit. Der Rest der Welt kommuniziert derweil in Echtzeit.
Ach Kinners, da empfehle ich doch gleich mal ein großartiges Werk aus Finnland. Aus einer Zeit, als wir alle noch jung und unschuldig waren:
“Zur Sprache im Internet Relay Chat.
Unter besonderer Berücksichtigung der Verwendung der Interjektion na”
(Nein, da fehlt nix im Titel. Es geht um die Interjektion “na”. Steht ja auch da.)
http://ethesis.helsinki.fi/julkaisut/hum/saksa/pg/kuukkanen/zursprac.html
… und – vielleicht etwas weniger esoterisch – die Hausarbeit: “Innovativer Sprachgebrauch bei computervermittelter Kommunikation”
http://www.linguistik.uni-bonn.de/downloads/ha01.html
Um die Seite einzuschätzen, besucht mal diese Links:
http://e-mail.is-not-s.ms/
http://jabber.is-not-s.ms/
http://icq.is-not-s.ms/
http://blogging.is-not-s.ms/
Wer meint, dass ein Standard-Text für 5 Medien (bzw. 4 verschiedene Ausdrucksformen wenn man icq und jabber zusammen nimmt) reicht, der hats nicht verstanden. Ein Blogpost sollte lang, gut recherchiert und mit vielen Links sein. Eine IRC-Line könnte man z.B. regeln mit:
- Eine Zeile sollte ein Satzzeichen am Ende haben.
- Mehrere Sätze in einer Zeile sind durch Satzzeichen mit Space danach zu trennen
- Wenn eine Zeile zu lang wird, beendet man sie mit drei Punkten …
- … und schreibt auf der nächsten weiter indem man mit drei Punkten startet …
- eventuell über mehrere Zeilen hinweg so.
- Rechtschreibung ist schön.
- Kurze Zeilen wie “OK.” sind in Ordnung
E-Mail ist da schon wieder anders, da gehört z.B. zu, nicht nach jedem Satz einen Absatz zu machen.
allo: ja, mit den fünf Medien hast Du einen Punkt.
Von Deinem vorgeschlagenen Regelwerk würde ich allerdings nur “Rechtschreibung ist schön” unterschreiben. IRC ist mündliche Rede. Große Channel sind wie ein Dutzend Kneipengespräche nebeneinander. Wenn man das begriffen hat, ergibt sich eine ganz neue Perspektive.
Regeln sind keine Gesetze, das sind eher Vorschläge. Rechtschreibung ist im Endeffekt oft egal, meine Statements sind manchmal auch nur als Anagramme zu verstehen. Ansonsten bildet sich in jedem Channel eine andere Kultur herraus, das merkt man dann aber auch selber.
Ich sehe es schon kommen: elektronische Briefmarken werden eingeführt und der Mailverkehr wird von 0,2 Sek. künstlich zu zwei Tagen verschleppt.