Die Facebook-Kriege

Politikwissenschafler mögen mich korrigieren – aber es gab ja mal die naive Vorstellung, dass Kriege Geschichte sein werden, wenn denn alle Länder demokratisch regiert würden. Denn Krieg will ja eigentlich keiner, oder? Die abgeleitete Frage würde lauten: können demokratische Staaten gegeneinenader Krieg führen? Wie gesagt: eine naive Vorstellung.

Passen wir die Frage mal an: Können sich Länder bekämpfen, deren intellektuelle Elite zusammen in Facebook vereint ist? Kann ein Youtube-Nutzer den anderen auf dem Schlachtfeld erschießen? Werden Piloten auf Flickr nachschlagen, wie der Ort aussah, bevor sie ihn bombardierten? Oder wenn sie ihn bereits nachgeschlagen haben: können sie ihn bombardieren?

Die deprimierende Antwort: Ja, warum denn nicht? Wenn die sozialen Börsen eh Abbild der sozialen Wirklichkeit sind, dann gehören Kriege dazu. Die Frage ist natürlich, ob die Kriegsparteien nicht mal eben den Zugang zu solchen Plattformen sperren, die sie nicht auf ihrer Seite sehen. Und zur Not kann man ja für die eigenen Soldaten ein viel besseres Massive Multiplayer Online-Gemetzel einrichten, dass die anderen Verbindungen aufwiegt.

Eine politischere Antwort: Das wird nicht unbedingt nötig sein. Denn wir können über soziale Börsen, Email und Instant Messaging zwar viele neue internationale Freunde in den USA, Europa oder Australien gewonnen haben – aber das sind eigentlich unsere politischen Nachbarn. Die Verbindungen nach Russland oder nach China sind schon spärlicher gesät, da man dort ganz andere Chats und soziale Börsen benutzt. Der musikalische Nachbar bei last.fm mag zwar nicht unbedingt in der selben Stadt wohnen – aber auch nicht aus China oder dem Iran.

Man könnte gar konstruieren, dass innerhalb von 15 Jahren ein Krieg zwischen Google- und Baidu-nutzenden Nationen ausbrechen wird. Das Netz mag vereinen, es verfestigt aber auch manche Spaltung. Aus dem selben Grund, aus dem in dem einen Land ein Geschäftsmodell erfolgreich ist und das andere nicht, können auch zwei Völker entfremdet werden.

2 Kommentare.

  1. Hallo Torsten, bitte nicht die „kollektive Willensbildung“ eines Staatsvolkes, individuelle Entscheidungen von Surfern und den Befehlsempfang eines Bomberpiloten zusammenschmeißen und ein Argument daraus rühren. Das schmeckt nicht! Grüße von Boris

  2. Boris: Deshalb steht da: „es gab ja mal die naive Vorstellung“. Der Punkt auf den ich hinauswill ist ein ganz anderer: Das vermeintlich vereinende Internet vertieft manchmal die Gräben zwischen Völkern.